Lügen in der Beziehung

Lügen bedeutet die Wahrheit zu verschweigen, abzuändern, zu verdrehen oder abzustreiten. Ich habe darauf verzichtet, alle Beispiele in der sowohl Mann als auch Frau Version auszudrücken. Natürlich kommt menschliches Verhalten geschlechterunabhängig vor. Es ist also nur dem Redefluss geschuldet.

Lügen in der Beziehung, nicht gerade das Erste was uns einfällt, wenn wir an Beziehung denken, steht sie doch für Vertrauen, Geborgenheit und Ehrlichkeit.
Wo sonst dürfen wir ehrlich sein, wenn nicht in der Beziehung, dem Menschen gegenüber, der uns am nächsten steht.
Doch Ehrlichkeit kann schmerzhaft sein

  • mal für den, der sie hört: „Deine Frisur ist grauenhaft“
  • mal für den der sie ausspricht: „Ich habe versagt“
  • mal für beide: „Ich habe jemanden kennengelernt“

Gibt es harmlose Lügen?

Lügen können harmlos sein:
„Also bitte, ich esse doch nicht deine Schokolade“ oder große Themen betreffen. Doch egal wie, es entsteht ein Vertrauensschaden.
Kann ich die Wahrheit dem Anderen oder mir selbst denn immer zumuten?
Eine schwierige Frage: Die Antwort lautet – es muss sorgsam abgewogen werden.

Wann ist Wahrheit zumutbar ?

Vielleicht kann man an einem Tag sagen: „Schatz, die Kinder tanzen Dir auf der Nase rum“ und es entsteht ein konstruktives Gespräch. An einem anderen Tag , an dem der Betreffende mit den Nerven völlig am Ende ist, würde außer der Verletzung gar nichts dabei herauskommen. Einem Kind, das zwei Stunden an einem Bild gemalt hat, es mir stolz schenken will, zu sagen, dass gefällt mir nicht, hätte schlimme Folgen.

Hat ein Erwachsener mir ein Bild als Urlaubssouvenir mitgebracht und ich sage: „Danke das ist nett, aber nicht ganz mein Stil“, wird zu einer kurzen Enttäuschung führen und dann geht es wieder normal weiter.

Welche Motive für Lügen gibt es?

Bei Paaren liegt die Fähigkeit und Ausdauer für Gespräche oft weit auseinander. So kommt es, dass derjenige, der nicht diskutieren will, zustimmt, ja mache ich, finde ich auch, oder das würde ich nie tun etc.
Das Motiv ist hier BEQUEMLICHKEIT.

Das hört sich recht harmlos an. Kinder sagen Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen.
Diese Erwartung haben wir auch als Erwachsene, besonders an unseren Partner.
Der Ja-Sager wird der Lüge und des Betrugs bezichtigt, der „Betrogene“ fühlt sich nicht ernstgenommen und der Weg zu Grundfrage: Liebst du mich überhaupt? Ist oft kurz.

Ein weiteres Motiv ist UNAUFMERKSAMKEIT. So mancher hält sich zu Unrecht für einen Multitasker. Während man mit etwas beschäftigt ist, oder über etwas nachdenkt, rauscht der Wörterstrom vorbei. Das gelegentliche Nicken soll zeigen ich höre zu. Doch es kann auch auf eine Bitte treffen, die sich in den vielen Worten versteckt hielt – und schon schnappt die Falle zu.

Du hast doch gesagt, du bringst die Sachen in die Reinigung, nein das habe ich nie gesagt, du lügst und redest dich immer raus.
Auch die SYMBIOTISCHE BEZIEHUNG hat ihre Tücken.
Man denkt intensiv über etwas nach und glaubt danach, man habe sich dem anderen darüber mitgeteilt. Wie ein Organismus, ein Denken.
Aber es wurde nicht kommuniziert und schon ist die Rede von Verheimlichen und Aktionen, die hinter dem Rücken des Anderen stattfinden.

Der Andere fühlt sich manipuliert, weil aus seiner Sicht Tatsachen geschaffen werden. Das hab ich dir doch gesagt, nein du lügst.

Schwer zu sagen, ob es um ein Nicht-sprechen, oder Nicht-hinhören war. Hier hatten wir es mit nicht gezielten Lügen zu tun.

Aber es gibt auch das absichtliche Lügen. Es soll kein Trost sein, aber das Lügen erfordert eine gewisse Intelligenz und Gedächtnisleistung sowie psychische Gesundheit.

Ist lügen menschlich?

Das Lügen ist in der Geschichte der Menschheit verwurzelt. Sogar eines der 10 Gebote beschäftigt sich damit. Und der berühmteste Lügner ist Petrus, der Jesus dreimal verleugnet.

Sein Motiv ist ANGST. In dieser Geschichte sieht man auch, dass eine Lüge, wenn sie glaubwürdig sein soll, wiederholt und ausgebaut werden muss. Man spricht von einem Lügengebäude.

Ein weiterer berühmter Lügner ist der Baron von Münchhausen. Sein Motiv ist die GELTUNGSSUCHT.

Kann Lügen eine Krankheit sein?

Liegt das Lügen im Krankheitsbereich zum Beispiel als Teil einer Persönlichkeitsstörung spricht man von Pseudologie.
Das Motiv ist ein SCHWACHES SELBSTBEWUSSTSEIN und die SUCHE NACH ZUWENDUNG. Es werden Krankheiten und Schicksalsschläge erfunden, teils glaubt derjenige selbst daran.

Ein Autist zum Beispiel kann gar nicht lügen, das heisst auch für das Lügen im normalen Bereich braucht es eine psychische Gesundheit.

Können Kinder schon lügen?

In einem Versuch* testete man Kindergartenkinder, über ihre Fähigkeit zu lügen. Das Kind sollte Stofftiere am Geräusch erkennen. Es saß alleine auf einem Stuhl und hinter seinem Rücken zog ein Erwachsener nacheinander Tiere aus einem Karton und lege sie vor sich auf ein Pult und spielte jedesmal das dazu passende Geräusch ab.Wenn das Kind viele der Tiere erriet, sollte es eine Süßigkeit bekommen.
Nach 5x raten legte der Prüfer einen Hund auf den Tisch und sagte: „Ich muss dich kurz alleine lassen, aber du darfst nicht gucken, ok?“
Die Anordnung war videoüberwacht. Nur 5% der Kinder haben sich nicht umgedreht, der Rest hat geschaut und sich wieder hingesetzt.
Eine Gruppe hat sofort beim Hereinkommen des Prüfers „Hund“ gesagt.
Eine andere Gruppe, tat so als denke sie angestrengt nach und sagte dann „Hund“.
Die letzte Gruppe erriet erst nach vorgespielten Fehlversuchen den Hund. Alle beantworteten die Frage, ob sie geschaut hätten mit Nein.

Also im Reich der Kindheit gibt es betrügen (mogeln), abstreiten und den Versuch die Lüge glaubwürdig zu machen bereits.

Welche typischen Themen gibt es beim Lügen in der Beziehung?

Wenn wir von Lügen in der Beziehung sprechen, sind wir schnell beim Fremdgehen. Und hier gibt es viele verschiedene Aspekte. Es liegt ein großer Unterschied zwischen dem Nicht-erzählen, dem Von-sich-aus-erzählen oder dem Abstreiten auf die Frage hin.

Betrachten wir zunächst das Von-sich-aus- erzählen.

Hier stellt sich die Frage nach dem Motiv. Will man sich „erleichtern“ von dem schlechten Gewissen, egal was es für den Anderen bedeutet?

Oder ist es fair, den Anderen über eine Bedrohung für die Beziehung zu informieren?
Das Geständnis eines einmaligen Seitensprungs, kann die Beziehung sehr stark belasten, obwohl er selbst eigentlich keine Gefahr für die Beziehung darstellt.

Eine Kette von Seitensprüngen jedoch, verlangt dem Anderen die Gelegenheit zu geben, sich damit auseinanderzusetzen.
Hier ist Ehrlichkeit angebracht. Nicht nur als pures Geständnis sondern auch darüber, ob mir in der Partnerschaft etwas fehlt, oder über die Frage, wie offen soll unsere Beziehung eigentlich sein.
Das muss jedes Paar für sich aushandeln.

Ganz anders sieht es aus, wenn es eine langjährige Nebenbeziehung gibt.

Lügen bedeutet in diesem Fall, den Anderen vielleicht um seine besten Jahre zu bringen. Ich denke da an ein Paar, das diese Situation über zwanzig Jahre hinweg hatte. Das Paar hatte sich in den Jahren der „Brutpflege“ (3 Kinder) etwas verloren. Der Mann begann eine Beziehung mit seiner Sekretärin, und erst nach zwanzig Jahren kam es heraus.

Die Frau sagte, „Hätte ich es gewusst, hätte ich die Chance auf ein neues Glück gehabt, jetzt ist es zu spät.“
Nicht nur der Lügner auch der Belogene ist an der Lüge beteiligt. Der Belogene durch Verdrängung, Nicht-hinschauen und Nicht-wissen-wollen. Vielleicht auch Angst vor der Veränderung, die die Wahrheit mit sich brächte.

Das Abstreiten führt zu einem wesentlich größeren Vertrauensschaden als das Nicht- Erzählen.
„Ich habe immer gespürt, dass da etwas ist, und musste mich für überspannt und hysterisch halten, weil du es empört abgestritten hast. Du sagtest, ich sei total eifersüchtig. Du hast mich ernst angeschaut und gesagt, Da ist nichts, ich würde es dir doch sonst sagen.“
Hier ist es extrem schwierig wieder vertrauen zu können.

Sätze wie: Fängst du schon wieder an. Du bist doch verrückt! Verschieben die Schuld auf den Anderen.

Wann soll ich es sagen?

Das ist die schwierigste Frage.
Eigentlich kann ich nichts sagen, solange ich selbst die Bedeutung nicht kenne.
Aber es gibt auch ein zu spät.
Monatelang hast du das hinter meinem Rücken gelebt. Wie konntest du mich so belügen?

Schließlich gibt es bei Paaren noch die Lügen bei der Sexualität. Man macht bei einer sexuellen Praktik mit, die man nicht mag, um nicht als verklemmt zu gelten.
Oder man spielt Befriedigung vor, um den Anderen nicht zu kränken.
Man fühlt sich vom Anderen körperlich nicht mehr so angezogen, weil er/sie sich gehen lässt, nur noch in der Jogginghose abhängt, immer die gleiche Choreographie beim Sex hat. Was einmal geklappt hat wird eisern durchgezogen.
Auf die Fragen: Gefällt es dir nicht? Magst du mich nicht mehr? wird gelogen, weil die Wahrheit beide gleichermaßen belasten würde.

Schließlich gibt es noch die kleine Schwester der Lüge, die Verleugnung, nicht minder verletzend. Der Partner stellt seine Partnerin den Freunden als eine Bekannte vor.

Was also tun?

All diese Aspekte zeigen, wie kompliziert es mit der Wahrheit und dem Lügen ist. Die Liebe zu einem Menschen gibt uns die Verantwortung, ihn zu schützen.
So muss abgewogen werden, wo ihn die Lüge und wo ihn die Wahrheit schützt. Das ist nicht immer einfach, das heisst Fehler kommen vor.
Wir sind in der Beziehung zu Partner, Freund, Kind und so weiter, stets gut beraten, von dem focusierten Blick auf den Fehler zu einem Panoramablick zu wechseln.
Also wie verhält sich der Andere mir gegenüber meistens.
Ist es meistens gut, lohnt es sich das Vertrauen wieder aufzubauen, auch wenn es schwierig und oft schmerzhaft ist.

Andrea Krüger

* Angela Evans et al. von der kanadischen Brock University im Journal of Experimental Child Psychology


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